Dr. Britta Rambeck zu „Zerrspiegel“

(…) Diese Ausstellung ist gewiss ein bedeutender Moment, ein First- und Einstiegserlebnis, die erste große – offizielle – Einzelausstellung eines jungen Malers in einer renommierten Galerie.

(…) 2011 war schon einiges von ihm in der Diplomausstellung der Akademie der Bildenden Künste zu sehen sowie im temporären Projektraum Balan21, sowie bei einer Präsentation der Klasse Prof. Anke Doberauer und in Gemeinschaftsausstellungen in Dachau und Essaouira, Marokko sowie – bis vor wenigen Tagen noch – im Kulturverein Modern Studio Freising. Beeindruckend auch die umfangreiche Werkschau, die in diesem Frühjahr in einer großen Münchner Praxisgemeinschaft gezeigt wurde – ich erwähne diese Ausstellung vor allem deshalb, weil sich bei unserem Rundgang, der mir erstmalig einen breitgefächerten Zugang zu Blumöhrs Werken verschaffte, Mitarbeiter des Ärztehauses bei dem jungen Maler spontan für die Zeit bedankten, die sie mit seinen Bildern verbringen durften.

(…) Sie werden jetzt sicherlich nicht die Schilderung eines langen, kurvenreichen Werdegangs erwarten. Dass es aber dennoch eine vergleichsweise umfangreiche Vorgeschichte zu erzählen gibt, hängt damit zusammen, dass bei dem Künstler dieser Ausstellung der aktive Umgang mit Bleistift, Pinsel, Farben schon ungewöhnlich früh begann – und von Kindheit an das einzig fraglos wesentliche Kontinuum seiner Interessen darstellte, so dass sich inzwischen doch eine nennenswerte Lehr- und Wanderzeit ergeben hat – mit allem was an Irrungen, Wirrungen, aber auch an fruchtbaren Erfahrungen und Selbtfindungsprozessen dazu gehört.

(…) Von frühester Kindheit an wurde Martin Blumöhr mit den Eltern und den Großeltern zu allen möglichen Kulturevents, namentlich zu Ausstellungen aller Art mitgenommen. Und – anders als die meisten Kinder – empfand Martin das nicht als Last, vielmehr ging er gern und staunend mit, bald auch schon mit Notiz- und Zeichenblock bewaffnet. Er skizzierte vor Ort ihm wichtig erscheinende Details, malte zu Hause dann frei weiter. (…) Die eigene Beschäftigung mit dem Zeichnen, bald auch dem Malen, war impulsiv, früh schon entsprach sie einem Bedürfnis, einem „Müssen“, sagt Blumöhr heute. Menschenbilder, meist ins Groteske, oft Karikaturale verfremdet, gehörten anfangs zu seinen bevorzugten Motiven. Allerdings verband sich sein künstlerischer Impuls bald auch mit einem ebenso impulsiven Drang zur Auflehnung.

(…) Bei Martin Blumöhr führte er jedoch zu einigen – in den 90-er Jahren nicht ganz unüblichen – Ausflügen in die Graffiti-Malerei – einem Abenteuer, das für ihn durchaus unerfreuliche Folgen haben sollte. Interessant dabei ist, dass es sich bei den Motiven, die Martin Blumöhr auch hier verwendete, nicht so sehr um die damals grassierenden Buchstaben-Bilder handelte, sondern überwiegend um groteske Gesichter, Figuren und Strukturen, also die Motive, die ihn seit jeher am meisten beschäftigten. Im Alter von 13-16 Jahren war er sprühend aktiv. Die daraus resultierenden Folgen seiner Graffiti-Künste hätten durchaus eine Abkehr von aller künstlerischen Betätigung nach sich ziehen können – nicht zuletzt mussten die heimlich gesprayten Motive ja wieder beseitigt werden. Kein Kinderspiel. Manche Illusionen blieben dabei auf der Strecke. Was aber alle Unbill überlebte, ja sogar gefestigt überstand, war die Gewissheit: Das Malen ist meine Berufung.

Blumöhr war und ist ein manischer, ja obsessiver Arbeiter, einer, dem die Aneignung von Welt mit Stift und Pinsel eine Notwendigkeit ist, einer der sich festbeißt an seinen Träumen und Projekten, der dranbleibt und durchhält. Das gilt bis heute. Wie ließen sich sonst großformatige Bleistift-Zeichnungen erklären wie etwa die Arbeit Danse, mon cabaret macabre– deren Ausarbeitung auch schon mal ein paar Jahre lang nebenher laufen kann, bis ihr Schöpfer sie als vollendet absegnet? Ich würde dieses Bild als eines der Kernstücke der heutigen Ausstellung bezeichnen.

(…) Bei Blumöhr gab es allerdings zunächst einmal Umwege in der schulischen Laufbahn – was ihn aber immer wieder weiter führte, war sein aus dem Rahmen fallendes künstlerisches Talent – ob in der „Kunst“ FOS oder dann in der Meisterschule für Mode, in der er ein Jahr lang Kommunikationsgraphik studierte. Noch ein Umweg? Wenn schon, dann sicher ein hilfreicher. Hier wurde er in den professionellen Umgang mit den zeitgenössischen digitalen Hilfsmitteln eingeführt. Nicht dass er sich im eigentlichen Sinne mit ihnen angefreundet hätte – bis heute ist er ein überzeugter Verfechter des Analogen. Noch immer nennt er – allerdings inzwischen schmunzelnd – Pixel als Feindbild – die Sorge, dass das Analoge ganz verschwinden und mit ihm der Mensch überflüssig werden könne – zumindest als Schöpfer von Kunst – bleibt bestimmend für seine künstlerische Arbeitsweise – die weiterhin fast ausschließlich traditionellen Techniken verpflichtet ist.

(…) Für den „Alltag“ aber ist das Arbeiten am Computer inzwischen im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig geworden. Martin Blumöhr hat mittlerweile eine wunderbare kleine Familie, „ die Nummer eins in meinem, Leben“, wie er sagt – und das lässt sich nur bedingt mit „brotloser Kunst“ vereinen. Arbeiten wie etwa Illustrationen für Zeitschriften, Poster oder CD-Covers aber sind ohne Beherrschung digitaler Techniken nicht mehr denkbar – dazu O-Ton Blumöhr: „Als Heranwachsender habe ich den PC immer als einen Feind der Kunst betrachtet. Heute nicht mehr. Eher als Feind des menschlichen Verstandes. Aber auch als geniales Medium, um kreativ zu sein bzw. eine Maschine kreativ sein zu lassen“. Und damit sind wir auch schon bei der anscheinend unvermeidlichen Standardfrage, die dem jungen Maler immer wieder gestellt wird: ob ihm ein Brotberuf im Bereich Graphik-Design als sinnvoll oder eher als kunstverhindernd erscheine. Dazu noch einmal Blumöhr im Original: “Wenn es etwas mit Malerei und Zeichnen zu tun hat, ist es sinnvoll. Durch den wiederholten zusätzlichen Umgang mit den Techniken wachsen Erfahrungen. Und: Geld ist sinnvoll zum Leben. Man kann sich damit den Platz, das heißt den finanziellen Spielraum für freie Arbeiten schaffen. Es darf nur keine Konkurrenz zur Kunst sein.“ (Z.E.)

Soviel zu der in der Tat immer noch weit verbreiteten Meinung, dass Künstler von viel Luft und einer Priese Liebe überleben können. Als Lebensberuf könnte sich Martin Blumöhr seine, wiewohl künstlerischen, Nebenberufe allerdings nie vorstellen. Deshalb auch wechselte er nach einem Jahr Kommunikationsgraphik auf Anraten seiner Dozenten an die Akademie der Bildenden Künste in München über. Zunächst in die Klasse von Professor Markus Oehlen, dessen Arbeitsweise Blumöhrs grundsätzlicher Tendenz zum Anarchisch-Surrealen am nächsten kam. Markus Oehlen wird zu den wesentlichen Vertretern der „neuen Wilden“ gezählt, die, aus der Tradition von Dada und Fluxus kommend, die Demontage der traditionellen Kunstbegriffe zum Ziel hatten. Stichworte wie „Punk“ und „Pop“ nennt Blumöhr bei der Charakterisierung der Klasse Oehlen, beeindruckend und ein Stück weit auch beeinflussend wirkten auf ihn die Großformate, dazu die – wie er sich ausdrückt – „bombastische Farbigkeit“ und die ungebremste Zusammenfügung scheinbar inkongruender formaler Elemente. Die Aufnahme bei Markus Oehlen war aufgrund einer Mappe erfolgt, in der Blumöhr seine ursprüngliche Faszination für das Groteske, Koboldeske, z.T. Karikaturale auslebte.

„Die Akademie verstand ich als Pforte zum Himmel,“ sagt er heute zu seinem Eintritt in diese neue Phase auf dem Weg in die Professionalität, und diesen Himmel stellte er sich als ein wolkenloses Forum altruistischer Zusammenarbeit, wechselseitiger Befruchtung und erhellender Diskussionen zum Kunstbegriff vor. Dass auch hier mit Wasser gekocht und Kunst von Menschen und nicht von Göttern gemacht wurde, führte zunächst und auch in späteren Phasen immer wieder zu Konflikten und inneren Auseinandersetzungen. Letztendlich aber verbucht Blumöhr all diese Erfahrungen als notwendige, ja befruchtende Kontroversen – ich zitiere ihn selbst: „Es war eine Auseinandersetzung mit Kunst in der Theorie auf hohem Niveau. Der Verlust meiner Sicherheit hatte für mich ein wahres Aufsaugen von Haltungen und von Bildwelten zur Folge…“ Lang eingeschliffene Seh- und Arbeitsgewohnheiten wurden nun hinterfragt, zum Teil abgelegt, dafür Neues ausprobiert – all dies sieht der Künstler heute als unverzichtbar für seine weiteren Entwicklungsschritte.

2007 erhielt er dann ein Stipendium bei Prof. Ernst Fuchs in Wien, einem der Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, einem engen Freund auch des Surrealisten Salvador Dali. Fuchs, inzwischen hochbetagt, hat vor allem mit seiner Malerei, darüber hinaus auch in den Bereichen Architektur, Musik und Lyrik einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt – begegnet allerdings mit seiner zum Numinosen und Psychodelischen tendierenden und auch stilistisch nicht unumstrittenen Kunst zum Teil kritischer Beurteilung. Martin Blumöhr war schon sehr früh mit seinen Werken in Berührung gekommen: Bei der ersten Begegnung mit diesen Bildern – als Heranwachsender – habe er ein „ geradezu erschreckendes Gefühl der Seelenverwandschaft“ gehabt, sagt er heute. Bald schon ergab sich auch eine persönliche Begegnung – als 17-Jähriger konnte er sogar einmal eine Woche lang im Atelier Fuchs assistieren. Daraus resultierte ein Kontakt, der auf wechselseitiger Anerkennung basierte.

Von 2007 bis 2008 arbeitete Martin Blumöhr dann als Stipendant ein Jahr lang mit Professor Ernst Fuchs als persönlicher Assistent und Schüler – u.a. in Monaco, Wien und in Klagenfurt, wo er bei den Arbeiten an der ehemaligen Südsakristei in Sankt Egid mitwirkte. „Es war eine sehr wesentliche Zeit für mich“, kommentiert er heute,“ Es gibt kaum etwas – vor allem im Bereich des Handwerklichen – was ich von ihm nicht lernte.“ Dennoch stand eine Verlängerung der Zusammenarbeit nicht an: die Ausformung einer eigenen künstlerischen Ausrichtung musste jetzt geleistet werden – wie er selbt es ausdrückt: „Es wuchs das Gefühl, mich von ihm lösen zu müssen: ein eigener Weg, eigene Bilder, vor allem eine andere Bildsprache mussten gefunden werden“. Gleichwohl sympathisiert er bis heute nicht mit den pauschalen Kritikern von Ernst Fuchs, – Stichwort „Relikt alter Zeiten“ – obwohl er ihre Beweggründe dafür durchaus versteht und bedingt auch teilt, vielmehr bestärkt ihn dieses Verdikt in seinem Bestreben, – so seine Formulierung – „die Post-Postmoderne so weit möglich zu ignorieren und seinen eigenen Weg gegen oder zumindest nicht mit diesen Regeln zu gehen“.

Wer kürzlich die Kommentare zu den Ausstellungen der diesjährigen Akademieabsolventen verfolgt hat, konnte erkennen, dass sich bei einigen jungen Künstlern als wesentlichster „Trend“ abzeichnet, sich nicht gleich wieder in Schubladen und -ismen einordnen zu lassen, sondern vielmehr (Zitat Christoph Wiedemann, SZ) in „einer Vielfalt individueller Wege und Experimente“ die eigenen Fähigkeiten auszuloten. Das klingt ermutigend, für die –ismen sorgt noch früh genug die Nachwelt. Dazu Martin Blumöhr: „Rebellion ist wirklich ein Leitsatz meiner Existenz, wenn auch eher die sanfte, mit Pinsel und geistigem Widerstand bewaffnet“.

Nach Blumöhrs Rückkehr in die Klasse Oehlen an der Münchner Akademie, 2008, gab es dann auch Konflikte – nicht zuletzt waren die künstlerischen Positionen zu weit voneinander entfernt. (…) Ein Gastsemester bei Prof. Peter Kogler, dann der Übertritt in die Klasse von Prof. Anke Doberauer, deren Schwerpunkt auf figurativen, zum Teil fotorealistischen Arbeiten liegt, brachten wichtige Anstöße, auch neue, fruchtbare Kontroversen. 2011 dann hat Martin Blumöhr bei Prof. Doberauer und Prof. Markus Oehlen sein akademisches Studium mit dem Diplom abgeschlossen.

In der heutigen Ausstellung können wir die vielschichtigen Wege zum Bild, die der Künstler auf verschiedenen Pfaden – sowohl in technischer wie in geistiger Hinsicht – beschritten hat, gut nachvollziehen. Scheinbar Konträres fügt sich dabei – anhand eines roten Fadens entlang seiner Persönlichkeit und seiner individuellen Handschrift zum Ganzen einer repräsentativen und in sich schlüssigen, wenn auch nach vielen Seiten hin offenen Werkschau. Zerrspiegel ist der Titel der Ausstellung – und ich denke, dieses Motto entschlüsselt sich von selbst bei einem Rundgang – immer wieder anders, aber immer wieder einleuchtend.

Figürliches finden wir, zum Teil ins Groteske verzerrt, zu Fratzen gezogene Gesichter, – aber auch scheinbar Fotorealistisches ist meist „aufgeladen“ mit Bedeutung, Hinter-Sinn: wie etwa bei einem sehr frühen Bild mit dem Titel „Oma“, das, so der Künstler, aus dem Bestreben hervorging, das rätselhafte Lächeln der Mona Lisa in eine andere Wesenheit, in diesem Fall in die Physiognomie einer Greisin, zu transferieren.

Realistische Darstellungen – wie z.B. die minituöse Kugelschreiber-Zeichnung einer jungen Mutter im Kindbett – sind nicht als bloßes Abziehbild eines individuellen Ereignisses angelegt – in diesem konkreten Beispiel geht es vielmehr um das Inbild der Ursituation einer soeben überstandenen Geburt – eine bewegende Interpretation, kein liebliches Genrebild.

Daneben gibt es surrealistisch anmutende Darstellungen, die Befindlichkeiten, Seelenzustände, gewissermaßen Innenbilder suggerieren, ausgedrückt in pointiert realistischer Darbietung – so etwa eine Graphitzeichnung mit dem Titel „Das grüßende Murmeltier“. Einen großangelegten Irrgarten bizarrer Erzählstränge (und ich verwende hier nicht von ungefähr einen Begriff aus der Wort-Kunst) bietet das bereits erwähnte, minitiös durchgearbeitete, großformatige Bleistift-Tableau …Danse, mon Cabaret macabre, das ich allen zur detaillierten Betrachtung empfehlen möchte, die Einblick in die technischen und künstlerischen „skills“ von Martin Blumöhr sowie ihren geistig-seelischen background gewinnen möchten.

Neben den genannten Arbeiten, die in unterschiedlicher Weise mit der Verfremdung scheinbar realistischer Szenarien und Darstellungstechniken spielen, bietet diese Austellung eine große Anzahl allem Anschein nach abstrakter Arbeiten, teils großformatig und von leuchtend bunter Farbigkeit. (…) Zwei Serien kommen hier zur Ausstellung, eine davon, zusammengefasst unter dem Titel „facial digital“, ist gekennzeichnet durch leuchtende Vielfarbigkeit und strenge Strukturierung der überwiegend eckigen Formelemente. Freunde, denen ich Abbildungen davon zeigte, erkannten darin auf Anhieb Motivvorgaben wie „Baum“, „Schreitende Figuren“ oder „Stadtlandschaft“ – aber auch „Mohnblume“ war unter den Mutmaßungen zu finden. In der Tat geben diese Bilder Anlass zu vielfältigen Assoziationen, etliche erinnern spontan an moderne Großstadt-Architekturen – ihre durchwegs eher hermetischen Titel wie „Wermut“ oder „Metastasenvioline“, „Roututu“, “Capsaicin“ „Burnout“ deuten allerdings eher auf Ver-, denn auf Enträtselung hin.

Des Rätsels Lösung – aber haben Sie sich das bei genauerem Hinschauen nicht selbst schon gedacht? – des Rätsels Lösung ist: Wir haben es hier nicht, wie vermutet, mit abstrakten Gemälden zu tun, sondern mit durchaus realistischen Abbildungen eines Phänomens, das vermutlich alle von Ihnen kennen: um Bildschirmstörungen, Störphänomene, in die sich mitunter die bewegten Bilder auf dem Fernsehschirm zersetzen, flimmernd, uns zum Ärger, aber dann doch irgendwie auch – schön. Aus solchen, gewissermaßen in „Momentaufnahmen“ isolierten digitalen Zerrbildern nimmt Martin Blumöhr verwendbare Teilstücke heraus und collagiert sie zu neuen Zusammenhängen. Der Maler Joachim Jung hat diesen Vorgang in all seiner Komplexität prägnant in einem Satz zusammengefasst – ich zitiere: „Martin Blumöhr thematisiert die Bildstörung und heilt sie dadurch, dass er sie mit handwerklichen Mitteln zur Kunst-Form erhöht“. Anke Doberauer kreierte dafür den Begriff des „digitalen Realismus“.

Die zweite hier ausgestellte Bilderserie aus jüngster Zeit trägt die Bezeichnung „Destruktionen“. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Bild-Kompositionen, die, oft mit Lacken zeichnerisch aufgetragen, mitunter auch aquarellig-atmosphärisch hingewischt oder kompaktfarbig pastos aufgetragen, an die Anmutungen der gestischen bzw. der informellen Kunst erinnern. Allerdings: Auch hier trügt der Schein. „Destruktion“ ist, wie gesagt, das Schlüsselwort dieser Serie von Bildern, die ihren Ursprung in dem Versuch haben, gleichzeitig zu erschaffen und zu zerstören, sich Formendes im Entstehen zurückzunehmen und dabei Figurationen, die sich gewissermaßen „unter der Hand“ entwickeln möchten, sofort wieder zunichte zu machen bzw. aufzulösen. Was dabei entsteht, sind Rätsel-, Suchbilder: bei denen es dem Betrachter überlassen bleibt, Ursprung und Werdegang zu entschlüsseln oder neu zu deuten.

Dies gilt bei Martin Blumöhr auch für viele jener Bilder, bei denen jedes Detail realistisch ausgeformt und benennbar ist – der Gesamtzusammenhang aber erst im Auge des aufmerksamen Betrachters entsteht. Ein gutes Beispiel dafür ist das in altmeisterlicher Technik gemalte Tableau Atari Altar – ein Bild, das bei mir zum Beispiel spontan kindliche Urängste auszulösen vermag. Hier ein paar Hinweise für den Betrachter: Atari steht für den Prototyp aller Spielekonsolen. Die naiv farbigen Bildchen im strengen gotischen Fensterbild gehen auf den Kinderzimmervorhang Martin Blumöhrs zurück – er nennt sie den “Urstoff meiner Bildwahrnehmung“.

Der Galerist Karl Pfefferle hat zu diesem Schlüsselwerk einen Deutungsversuch verfasst, den ich Ihnen jetzt zum Abschluss vorlesen möchte: „Ein gotisches Kirchenfenster schaut mich an, schaut mich an im wahrsten Sinne des Wortes. Es hat Augen, an die hundert Augen, deren Pupillen in den Schnörkeln des Maßwerks sitzen, in verschiedener Größe. Zwei aber sind besonders groß und machen das gotische Fenster zum Gesicht. Diese zwei großen Augen formen einen Blick, der prüfend auf mich gerichtet ist. Dieser Blick ist ernst, streng und geht mir durch und durch. Es ist der bohrende Blick des Wissenden, er spürt alle Gedanken in mir auf, auch jene, die ich nicht ans Licht geholt sehen möchte. Da helfen auch keine Ablenkungsmanöver, keine Grimassen. Es hilft nichts, wenn ich schiele und mit den kleinen Fingern meinen Mund auseinander ziehe und dabei mit den Zeige- und Mittelfingern die Unterlider der Augen herunterziehe bis es weh tut. Es hilft auch nichts, dass ich aus meiner Erinnerung alle Motive des Vorhangs meines Kinderzimmers nachgemalt habe. Herz, Schaf, Haus, Huhn und Ei, Katze, Hund, Baum und so fort. Die Augen sind unerbittlich, sie sind das Gericht über mich, sie sind allwissend, vor ihnen gibt es kein Entkommen. Doch halt, da ist noch jemand. Jemand legt seine Hand auf meinen Kopf und zieht mit den Fingern meine Augenbrauen hoch und mit den Fingern der anderen Hand zerrt er an meiner Wange. Und plötzlich bin ich Teil dieses Rätselbildes, ein Wicht, ein kleiner Wicht, gestraft und zur Rechenschaft gezogen. Ich bin Teil des Bildes, das ich betrachte, und das mich betrachtet. Und ich denke, so etwas vermag nur die Malerei.“

Und ich füge hinzu: meine Deutung wäre wieder ein wenig anders – und wie erst die Ihre?

Eröffnungsrede von Dr. Britta Rambeck zur Ausstellung „Zerrspiegel“ des Künstlers Martin Blumöhr im Mai 2012 (Auszüge)